Filmkritik Kino Testbereich

Filmkritik: Anonymus

Roland Emmerich, ein in Hollywood tätiger, deutscher Regisseur ist vor allem durch Weltzerstörungs-Blockbuster wie „2012“ oder „The Day After Tomorrow“ bekannt geworden. Dieses Jahr schlägt er jedoch mit dem Streifen „Anonymus“ (oder „Anonymous“, wie der englische Originaltitel lautet) einen gänzlich anderen Weg ein und sichert sich allein dadurch die Aufmerksamkeit aller Filmfanatiker. Sein Interesse gilt nun dem weltberühmten englischen Autor William Shakespeare und dessen Geschichte. Statt jedoch einfach nur die Geschichtsbücher zu zitieren und ein glatt gebügeltes History-Adventure abzuliefern, geht es Emmerich darum ein unter Verschwörungstheoretikern verbreitetes, jedoch nicht komplett unwahrscheinliches Szenario aufzuzeigen. Was, wenn Shakespeare selbst gar nicht Autor seiner Werke war, sondern lediglich ein versoffener Schauspieler, der rein zufällig in einen riesigen Komplott verwickelt wurde? Klingt spannend? Fanden wir auch und wir haben uns den Film bereits angesehen. Hier verraten wir euch unsere Eindrücke.

Shakespeare im 21. Jahrhundert?!

Die Rahmenhandlung spielt überraschenderweise im 21. Jahrhundert, wo ein älterer Herr in einem gefüllten Theatersaal das Publikum in die Welt von Shakespeares „wahrer“ Geschichte einleitet. Dies soll wohl dem realen Publikum äquivalent den Einstieg in den Film erleichtern, erschwert diesen in Wahrheit jedoch zusätzlich. Jeder Zuschauer erwartet eine mittelalterliche Erzählung und es wäre nur konsequent wenn der Film ihm allein diese bieten würde. Doch auch viele andere Punkte erschweren den Einstieg in diese Welt. Zunächst gibt es keine klare Hauptfigur. Shakespeare selbst ist nur ein Nebencharakter der gelegentlich betrunken über die Bühne torkelt, was schade ist, da er zu den interessantesten Figuren zählt. Am ehesten identifiziert man sich mit dem jungen Bühnenautor Ben Johnson, welcher mit einem Stück den einflussreichen Edward de Vere, betitelt als 17. Earl of Oxford, auf sich aufmerksam macht und dessen Stücke unter seinem Namen veröffentlichen soll. Aber zu schnell tauchen zu viele Figuren aus verschiedenen Zeiten kreuz und quer durch den Film geschnitten auf. So wird man eher zu einem passiven Beobachter, als dem Geschehen wirklich mitfiebern zu können.

Die schauspielerischen Leistungen der Darsteller sind teilweise gut, meistens in Ordnung aber nie herausragend. Ben Johnson wirkt teilweise sogar leicht überspielt. Hier wäre mehr Raum für die Verkörperung der durchaus tiefgründigen Charaktere gewesen. Hingegen sehr gut gelungen sind die Schauplätze und Kostüme des Films. Mit vielen Details bestückt und nah an Referenzen wie Gemälden der Charaktere wissen diese zu begeistern. Schade nur, dass dies meistens durch die kitschig ausgeleuchteten Sets wieder gedämpft wird. So perfekt, wie das Licht durch die Fenster gleißt und schwere Strahlen durch das Bild formen, wirkt das Gesamtbild oft sehr steril und künstlich. Kaum ein markanter Schattenwurf ist im Film zu finden und die Atmosphäre bleibt leider sehr weit hinter ihrem Potenzial zurück. Auch durch die fast durchgehend eindimensionale Kameraführung aus Normalperspektive und dem uninspirierten Schnitt verliert der Film viel an cineastischer Ausdruckskraft. Computeranimierte Szenen fügen sich auch nicht immer nahtlos in den Rest der Szenen und es ist schwer einen optischen roten Faden wahrzunehmen. Klingt alles nicht so toll, ein schlechter Film ist Anonymus aber dennoch nicht.

Immerhin schafft Roland Emmerich es in diesem Werk einen in sich abgerundeten Film auf die Beine zu stellen, welcher inhaltlich nichts vermissen lässt. Eine kleine Meisterleistung wenn man bedenkt wie viel es zu erzählen gibt. Gegen Ende schafft er es sogar, dass die Zuschauer einen emotionalen Bezug zu den Figuren aufbauen und man verlässt das Kino, sofern man bis zum Ende der Handlung folgt, zufrieden. Vorausgesetzt man verspürt ein gewisses Interesse zu dem teilweise etwas trocken übermittelten Themenkomplex.

Unser Fazit

Eine Empfehlung für den Film kann ich also nur denjenigen Aussprechen, die gewisse künstlerische und erzählerische Macken verschmerzen können und Interesse an Shakespeare, englischer Geschichte oder realitätsnahen Verschwörungen haben. Alle anderen werden mit dem Film eher nicht glücklich.

Autor: Samuel Engel

Gesamtwertung

maximal 10 Filmrollen

Informationen
Kinostart (Deutschland) – 10.11.2011
Kinostart (U.S.) – 28.10.2011
Deutschland (FSK) – Ab 12 Jahren
Genre – Mystery
Länge – 131 Minuten
URL – http://www.anonymus-film.de/