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Test: Arma 3

Die gleißende Morgensonne blendet meine Augen. Ich sehe meinen vereisten Atem vor meinem Gesicht. Langsam bewegt sich mein Trupp vorwärts. Fast unsichtbar. Ohne ein Zeichen zu hinterlassen. Meine Fingerspitzen fühle ich schon seit einigen Stunden nicht mehr. Nur mein Instinkt sagt mir, dass sie sich, wie immer, am Abzug befinden. Immer bereit. Wir kommen in eine offene, weite Ebene. Nervös blicke ich zu unserem Sanitäter rüber, dieser wiederum auf den Oberkommandant. Da hören wir es. Knallend schlägt eine Kugel nur wenige Zentimeter neben uns ein. Feindkontakt. Schnell versuchen wir uns hinter irgendeinem naheliegenden Felsen zu verschanzen. Ich spüre wie links und rechts der Kugelhagel auf mich zuschießt. Aus den Augenwinkeln sehe ich den gegnerischen Trupp. Sicher 20 Mann. Mein Trupp und ich schreien uns gegenseitig Befehle und Standorte zu. Nur noch 5 gegnerische Soldaten. Unser Grenadier ist gefallen und wir sind mittlerweile nur noch zu dritt. Mit letzter Kraft erledigen wir auch die andern 5 Männer. Als die letzte Kugel einschlägt und es plötzlich ruhig wird, stehen wir langsam auf. Ungläubig über das was wir soeben geschafft haben. Ein nickender Blick reicht um uns klar zu machen wie viel Glück wir gerade hatten. Lagebericht abgeben, abputzen, weiter gehts!

Wer diese Zeilen liest wird es vielleicht schon merken. Arma 3 ist kein gewöhnlicher Shooter. Die von Bohemia Interactive entwickelte Militärsimulation ist viel mehr. Aber beginnen wir doch von Anfang an.

Kein Call of Duty, aber auch kein Battlefield

Bereits im Jahr 2006 brachte die tschechische Entwicklerschmiede Bohemia den ersten Teil der Armed Assault (Arma) Reihe auf den Markt. Der Taktik-Shooter sollte die Erfahrungen des früheren Operation Flashpoint (Codemaster) auf ein neues Level bringen. Durch die damals neue Technik war erstmals eine Sichtweite von bis zu 10 km, detailliertere Fahrzeuge und Gebäude, eine realistische Vegetation und moderne Shadereffekte möglich. Schon damals unterschied sich die Arma-Reihe stark von Genrekollegen wie Call of Duty oder Battlefield, vor allem durch den immens hohen Realismusanspruch. Bereits im Jahr 2009 kam der Nachfolger der Militärsimulation Arma 2 auf den Markt. Der Titel wurde hauptsächlich durch die Zombie-Mod „DayZ“ bekannt, die die Community selbst erstellte. Diese war so erfolgreich, dass Bohemia in der nächsten Zeit sogar ein Stand-Alone von DayZ veröffentlichen möchte.

Mit der Ankündigung von Arma 3, waren die Erwartungen an den Nachfolger naturgemäß hoch. Boten die Arma-Teile doch seit jeher technische Innovationen und durften sich zu Recht Könige der Taktik-Shooter nennen. Ob Bohemia wiedermal eine Referenz gelungen ist?

Arma 3 ist Bohemia Interactives neuester Militär-Taktik-Shooter

Arma 3 ist Bohemia Interactives neuester Militär-Taktik-Shooter

Technisch möchte man das durchaus glauben. Das Spiel wurde basierend auf der neuen Real Virtuality 4 Engine entwickelt, die wieder eine Menge neuer technischer Möglichkeiten bietet. Neben neuen Waffen und Fahrzeugen und Terrains, sind vor allem die Animationen der eigenen Spielfigur und der hohe Realismusgrad wirklich beeindruckend. Denn es macht tatsächlich einen spielerischen und taktischen Unterschied ob man stehend, kniend, gebückt, oder liegend den Gegner bearbeitet. Diese spielerische und taktische Tiefe wird hervorragend ins Gameplay eingebaut und lässt einen richtig im Spiel versinken. Eins mit der Waffe werden.

Doch worum geht es eigentlich? Das ist recht schnell erklärt: Im Jahre 2034 wurde die Türkei durch Naturkatastrophen heimgesucht und der Iran nutzt diesen Umstand, um bis nach Griechenland zu expandieren. Die NATO greift ein und muss die Invasoren wieder zurückdrängen. Das ganze geschieht auf einer großen und einer kleinen Insel zwischen denen der Spieler wählen kann. Bei etwa 300 Quadratkilometern also genug Platz für spannende Gefechte.

Zu Release leider nur eine halbe Sache

Inhaltlich bot Arma 3 zum Release jedoch recht wenig. Der fehlende Singleplayer sollte im Laufe der Monate in Form von mehreren DLC´s gratis nachgereicht werden. Neben 12 Showcase Missionen, die einzelne Kampfklassen, Fahrzeuge und vorgefertigte Missionen vorstellen gab es dadurch auch nicht viel zu sehen. Die ersten 8 dieser Missionen werden Spielern der Beta schon bekannt sein. Diese spielen auf der kleineren der zwei Inseln „Stratis“. Diese Aufgaben reichen von offenen Feuergefechten über lange Entfernungen, Panzerkämpfen, Scharfschützeneinsätzen und Helikopterflügen bis hin zu Tauchmissionen unter dem Meeresspiegel. All diese sind gut aufgebaut, spannend und fordernd, jedoch können sie aufgrund der abgehackten und nicht durchgehenden Story keine echte Atmosphäre bieten. Ein weiterer unangenehmer Punkt ist die sehr wechselhaft agierende KI. Einmal agieren sie hochintelligent und der jeweiligen Situation angepasst und in der nächsten Sekunde möchte man meinen sie sind nur Dekoration für die schöne Landschaft. Das wäre ansich ja zu verkraften, wäre da nicht die teilweise übermenschliche KI der gegnerischen Truppen. Wenn mich der Gegner aus 500 Metern Entfernung bereits orten und gefährlich verletzen kann, meine eigenen Teamkameraden aber moohrhuhnartig in der Gegend rumballern ohne zu treffen, kommt schnell Frust auf. Man fühlt sich überfordert und es bleibt das Gefühl, dass Bohemia hier noch einiges am Balancing hätte schrauben können.

Den Umgang mit der Waffe an sich perfektioniert man in einer der 9 Trainingsmissionen, in denen man Pappaufstellern zu Leibe rückt und seine eigene Bestzeit schlagen kann. Diese kurzweiligen Abschnitte reichen von Übungen an Trainingsplätzen bis hin zu kombinierten Angriffen auf freiem Feld. Doch der anfangs recht bescheidene Umfang von Arma 3 das war, zumindest für Genreeinsteiger, gar nicht mal so schlimm. Ebendiese Trainingsmissionen sind nicht nur sinnvoll sondern auch notwendig, möchte man später nicht alle 2 Minuten ins Gras beißen. Fahrzeuge wollen beherrscht, Waffen verstanden und Taktiken geübt werden, bevor es ins im Squad oder alleine auf ins große Gefecht geht. Wem das alles zu langweilig ist, der kann sein Glück im umfangreichen Multiplayer auf die Probe stellen. Eher ungeeignet für Anfänger, bietet dieser allerdings spannende Gefechte mit anderen Spielern auf der ganzen Welt. Des Weiteren gibt es einige spannende und vielfältige Modi , Ausrüstungsgegenstände und Fahrzeuge, die es von euch zu entdecken gilt. Hat man allerdings keine feste Gruppe, fühlt man sich schnell überfordert und die Matches machen dann auch wenig Sinn. Es muss wirklich jeder wissen was er tut und wie man gut zusammenarbeiten kann. Funktioniert dies allerdings, steht aufregenden Matches mit Freunden über Teamspeak nichts mehr im Wege.

Arma 3 verspricht mit über 40 Waffen und mehr als 20 Fahrzeugen ein authentisches, vielfältiges und offenes Kriegserlebnis

Arma 3 verspricht mit über 40 Waffen und mehr als 20 Fahrzeugen ein authentisches, vielfältiges und offenes Kriegserlebnis

Der letzte und wohl, aufgrund der damals mangelnden Konkurrenz, auch aufregendste Inhalt von Arma 3 sind die von Usern selbst kreierten Szenarien, die dank Steam Workshop Integration einfach und unkompliziert in die eigene Bibliothek übertragen werden können. Dabei abonniert man die Inhalte eines bestimmten Users, der dann in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen neue Level veröffentlicht. Diese reichen von simplen Hobbyprojekten bis hin zu voll synchronisierten Missionen mit durchgehender Storyline. Aber auch Interpretationen von diversen anderen Videospielen wie zum Beispiel Hitman Absolution finden sich unter den Szenarien. Hier sind der Fantasie wirklich keine Grenzen gesetzt und dank des umfangreichen Editors bleiben keinerlei kreativen Wünsche offen.

Immer Ärger im Mittelmeer

Bis Anfang Oktober mussten die Fans schließlich auf den ersten Teil der Kampagne von Arma 3 warten. Wir haben mit dem Release unseres Reviews extra gewartet, um euch nun unsere Erfahrungen mit der Kampagne und unserem Gesamttest gebündelt zu schildern. Die vielversprechend klingende Episode „Überleben“ wird beim Starten des Spiels automatisch aus Steam heruntergeladen und man kann sofort losgehen.

Altis im Jahre 2035: Die vom Bürgerkrieg schwer mitgenommene Mittelmeerinsel beginnt zu bröckeln. Obwohl der Konflikt mit der Nachbarinsel Stratis schon 5 Jahre her ist, braut sich weiter ein erneuter Tumult auf. Seit dem ersten kriegerischen Aufeinandertreffen sind Nato-Friedenstruppen auf beiden Inseln stationiert die für Ruhe und Ordnung sorgen sollen. Nachdem diese jedoch auf Befehl der Führung des Inselbündnisses abgezogen sind, brechen die Unruhen erneut aus und stürzen die Mittelmeerinseln ins Chaos.

Ihr schlüpft in die Rolle des Corporals Ben Kerry, der den Truppen der Nato angehört. Ihr seid gerade dabei eure Taschen in Richtung Heimat zu packen, da wird euer Trupp von Anschlägen und Überfällen heimgesucht. Eine kontrollierte Verteidigung ist deswegen so schwer, weil eure verbliebenen Truppen über die gesamte Insel verstreut sind und ihr nur mehr spärlich ausgerüstet seid. Doch diese Ausreden zählen nicht! Waffe anlegen, Magazin rein und los geht’s!

Das Spiel bietet einen 290 km² großen Schauplatzes im Mittelmeerraum

Das Spiel bietet einen 290 km² großen Schauplatzes im Mittelmeerraum

Nach einem stimmungsvollen Intro mit Gitarrenmusik und Helikopterflattern, sammelt ihr euch zuerst einmal mit einigen der verbliebenen NATO Soldaten. Danach fahren wir mit einem LKW in die nahe gelegene Region Kamino. Auf dem Weg dorthin müssen wir auch schon einmal Straßensperren passieren, wo wir uns selbstverständlich unauffällig verhalten. Ist man hier zu schnell oder fährt einen halben Meter zu weit nach vorne ähnelt unser Truck wenige Sekunden später eher einem Schweizer Käse als einem Fahrzeug. Bei unserem ersten Feindkontakt merkt man schnell: Die Steuerung muss sitzen. Wer hier noch nachschauen muss, wie er genau anvisiert und die Luft anhält, wird schnell das Zeitliche segnen. Gott sei Dank sind in solchen Fällen die Rücksetzpunkte sehr fair gesetzt und man ist schnell wieder im Geschehen. Dies ist auch dringend notwendig, denn es gibt leider auch einige frustige Stellen, in denen man nicht nur einmal zurück zum Checkpoint gesetzt wird.

Spannend hierbei ist, dass die Laufwege der eigenen KI nie komplett gleich sind, sondern sich jedes Mal etwas unterscheiden. Das gibt dem Spiel ein realistisches und authentisches Gefühl und man hat immer weniger das Gefühl „nur“ ein Videospiel vor sich zu haben. Und auch die Atmosphäre wirkt durch die langen Laufwege und die sehr stimmungsvolle und gut eingesetzte Musik sehr dicht. Die Kampagne ist dabei recht stark gescripted, jedoch wird sie zu jedem Zeitpunkt glaubwürdig und spannend in Szene gesetzt. Vor allem die Tatsache, dass es trotz Script-Events nicht „den einen“ richtigen Weg gibt, verdichtet das Spielgefühl immens. Man weiß nie ob die gerade gewählte Taktik und der Laufweg das richtige in dieser Situation sind. Bringt man in Call of Duty noch recht locker 4-5 Gegner auf einmal um die Ecke, bedeuten in Arma schon zwei patrolierende Soldaten eine große Bedrohung und müssen dementsprechend behandelt werden. Einfach drauf los ballern geht nicht. In keinem sonstigen Shooter ist es so eine Erleichterung wieder heil zur Gruppe zu stoßen als in Arma 3 und auch der Verlust eines Squad-Mitglieds hat ernsthafte Konsequenzen. Nimmt man dies in anderen Spielen noch recht gelassen hin, bedeutet es hier hingegen einen großen Nachteil und eine Änderung der gesamten Taktik ist mitunter nötig. Ständig ändern sich die Spielbedingungen und auf diese muss sich der Spieler einstellen. Auch das ist Realismus und dies zu transportieren gelingt Bohemia wirklich hervorragend.

Der Sound der Waffen und der Umgebung wirkt zu jeder Zeit realistisch und kraftvoll. Die Sprecher sind sehr professionell und auch die Kommandos über Funk klingen besonders toll. Allerdings kann es aufgrund des hoch technischen, militärischen Vokabulars in Kombination mit der fehlenden deutschen Synchro zu mittelgroßer Verwirrung kommen wenn man dem Briefing nicht folgen kann, weil man gerade sein Fahrzeug steuern muss. Die Untertitel werden klein in der linken unteren Ecke angezeigt und lassen sich in der Hitze des Gefechts oft nur schwer lesen. Erst wenn wir in Ruhe in einem Camp gebrieft werden, merken wir wie viel Atmosphäre dadurch eigentlich transportiert werden könnte, wenn es denn mal klappt. Und wenn wir gerade bei Verwirrung sind, auch die Orientierungspfeile zur nächsten Aufgabe hätten durchaus deutlicher ausfallen können. Nicht selten dreht man sich wahllos im Kreis um den sehr klein gehaltenen und schwer sichtbaren Pfeil zu erhaschen, der einen auf die nächste Aufgabe aufmerksam macht.


7.5/10
Abgesehen von einigen Kritikpunkten liefert Bohemia mit dem ersten Teil der Kampagne von Arma 3 mit knapp 7-8 Stunden ein solides und spannendes Spielerlebnis ab. Das klingt zuerst vielleicht etwas wenig, jedoch werden wir ja im Laufe des Folgejahres mit zwei weiteren Teilen rechnen dürfen. Und eine Spielzeit von schätzungsweise 21 Stunden für einen Shooter ist schon sehr ordentlich und bei weitem kein Genrestandard. Die Technik ist, trotz des doch recht hohen Grafikhungers, wie immer hervorragend und sucht Ihresgleichen im Shooter-Genre. Trotz einiger Schwächen ist Arma nach wie vor die Referenz in Sachen Taktik-Shooter und wer das Genre gern hat, kann eigentlich nichts anderes tun als zugreifen. Der zweite Teil der Kampagne soll laut eigenen Angaben der Jungs und Mädels aus Tschechien im Januar 2014 folgen und wir sind schon sehr gespannt, wie es mit der Geschichte rund um Corporal Ben Kerry weitergeht. Sobald der nächste Teil erhältlich ist, aktualisieren wir unseren Test und geben euch Bescheid.

arma3.com (Offizielle Webseite)

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Autor: Fabio Faber