Gametests Testbereich

Test: Beyond Two Souls

Zugegeben, David Cage, seines Zeichens Chef vom Dienst und kreativer Schöpfer des Entwicklerstudios „Quantic Dream“, hat es nicht immer leicht. Der selbst erklärte Geschichtenerzähler möchte mit seinen Spielen einen Nerv in uns Gamern treffen, der nicht jedem zusagt. Verbindet er und sein Team doch seit jeher das Medium Film und das Medium Videospiel zu einem emotionalen, interaktivem Gesamterlebnis. Doch dieses Vorgehen stößt nicht bei allen Gamern auf Zustimmung. Die einen empfinden seine Spiele als zu simpel und minimalistisch, andere sehen sogar den Begriff „Videospiel“ an sich als gefährdet. Schon mit seinen ersten Titeln Fahrenheit und Heavy Rain wagte der Cage ein Experiment, das polarisierte. Befürworter der Spiele lobten die einzigartige Erzählweise, starke Charaktere und die emotionale Einbindung des Spielers in das Geschehen. Nach dem großartigen interaktiven Krimi Heavy Rain aus dem Jahr 2010, waren die Erwartungen an „Quantic Dream“s neuestes Werk erwartungsgemäß hoch. Mit Beyond Two Souls möchte Cage ein weiteres einzigartiges Spielerlebnis bieten. Aufwendiges Motion-Capturing der Schauspieler Ellen Page und Willem Dafoe, gepaart mit starken Charakteren und einer packenden Story sollen die Grenzen zwischen Spiel und Film endgültig verschwimmen lassen. Ob dies gelungen ist und warum es sich bei Beyond Two Souls um eine Grundsatzdiskussion handelt, erfahrt ihr jetzt.

Anders als die anderen

Wer Beyond Two Souls startet merkt schnell, Jodie Holmes, verkörpert durch Ellen Page, ist kein gewöhnliches Mädchen. Seit ihrer Geburt begleitet sie eine Existenz namens Aiden, die jeden Versuch auf ein normales Leben im Keim erstickt. Verbunden über eine Art spektrale Nabelschnur, greift Aiden in Jodies Leben ein. Hat diese zuerst hauptsächlich Angst vor diesem „Monster“, das ihren Alltag kontrollieren kann, lernt sie schon bald mit ihrer zweiten Seele zu leben, sie zu kontrollieren. Wie schon ein weiser alter Mann in Spider Man 2 der Meinung war, aus großer Kraft folge große Verantwortung, fällt es auch Jodie nicht immer leicht verantwortungsvoll und bedacht mit Aiden umzugehen. Per Knopfdruck steuert ihr die Existenz und könnt so Dinge in Jodies Umfeld bewegen, in sie eindringen oder sie zerstören. Auf Wunsch könnt ihr die Story auch zu zweit spielen, indem ein Spieler Jodie, und der andere Aiden übernimmt.

Aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten kann Jodie nicht mit den Nachbarskindern spielen, weil sie mit ihren Kräften die anderen verletzt, sie wird auf Partys wegen ihrer „kranken“ Fähigkeiten gehänselt und sogar von ihrem Adoptivvater als „Monster“ bezeichnet. Nachdem ihre überforderten Adoptiveltern Jodie an eine Behörde zur Überwachung paranormaler Aktivitäten abgeben, findet sie auf der Station neuen Anschluss. Der Forscher Nathan Darkins (gespielt durch Willem Dafoe) und sein Assistent werden Jodies Lebensmittelpunkt und Familie, die ihr beisteht und sie mit ihren Fähigkeiten besser zurechtkommen lässt. Sie verbringt hier ihre Kindheit und lernt ihre Existenz Aiden zu steuern. Doch schnell wird die CIA auf Jodies ungewöhnliche Gabe aufmerksam und sie muss sich erneut von ihrem Umfeld trennen.

Die 26 Kapitel des Spiels werden nicht cronologisch und daher anfangs auch recht wirr über dem Spieler ausgeschüttet und man hat gerade anfangs seine liebe Not dem „Fleckerlteppich“ der Story zu folgen. Mal spielt man Jodie als ängstliches Kind, mal als partywütigen Teenager und im nächsten Kapitel als junge Frau in Abendgarderobe. Die so vermittelte Story wird erst recht langsam schlüssig, was jedoch einen Großteil der Spannung aufbaut. Und genau da glänzt Beyond Two Souls. Die Geschichte zieht einen ungemein ins Geschehen und bleibt, bis auf wenige Ausnahmen gegen Ende, unvorhersehbar. Die einzelnen Storyabschnitte reiße ich bewusst nur kurz an, denn gerade das Erleben der Geschichte macht den Großteil des Spieles aus. Eine vorweggenommene Story würde hier nur das Gesamterlebnis zerstören.

Jodie wird von der Schauspielerin Ellen Page gespielt.

Jodie wird von der Schauspielerin Ellen Page gespielt.

Schon zu Beginn wird der Spieler mit vermeintlich nichtigen Entscheidungen konfrontiert, wie dem Einschalten eines Fernsehers, der Wahl des Outfits für ein Date und vielen anderen Interaktionen mit Objekten. Dies vermittelt ein angenehmes Gefühl der Zugehörigkeit und Anteilnahme und vermittelt dem Spieler vor allem eins: Freiheit. Weitaus wichtigere Entscheidungen im Spiel schaffen es aber leider nicht in genügendem Maße Konsequenz zu haben. So ist es beinahe egal, wie man mit Aiden handelt, denn wirklich tragende Folgen für Jodie ergeben sich nie. Als Jodie beispielsweise auf einer Party wegen ihrer besonderen Gabe gemobbt und in einen Schrank eingesperrt wird, hat man entweder die Wahl sich zu rächen oder einfach zu verschwinden. Doch keine der Entscheidungen hat eine bemerkenswerte Auswirkung auf Jodie und ihre Psyche. Die Story an sich würde hier genügend moralische und psychische Konflikte und Reibstellen geben, doch werden diese leider nur ansatzweise ausgenutzt. Obwohl einem über das ganze Spiel unterschiedlichste Entscheidungsmöglichkeiten vorgeworfen werden, endet die Story doch letztendlich an einem Punkt X. Konnten sich noch etwa in Heavy Rain bei jeder Entscheidung und Situation komplette Storystränge auslöschen, leitet Beyond Two Souls den Spieler bei jeder Schlüsselszene wieder zurück zum roten Faden der Story.

Emotionen, die das Leben schreibt

Die Schauplätze von Beyond Two Souls sind aufgrund der starken Engine atemberaubend. Durch das Fehlen jeglicher Statusanzeigen oder Heads-Up-Displays fühlt man sich mittendrin und stark in die Geschichte involviert. Egal ob man in der trockenen Wüste Somalias, eisigen, schneeverdeckte Gebirgsketten irgendwo im nirgendwo oder bei Ureinwohnern im sonnigen Nordamerika ist. Beyond Two Souls sieht zu jeder Zeit unglaublich gut aus. Doch auch gerade die Mimik der Charaktere sucht auf der auslaufenden Konsolengeneration Ihresgleichen und zeigt, was noch alles aus der „alten“ PS3 rauszuholen ist. Wut, Trauer und Entsetzen lassen sich sehr gut ablesen und führen in Kombination mit den inhaltlich starken Charakteren dazu, dass auch mir das eine oder andere Mal die Augen richtig feucht wurden. Das Spiel lebt damit auch großteils von der starken Performance der beiden Protagonisten, gespielt durch Ellen Page und Willem Dafoe. Dank aufwendigem Motion Capturing, werden die Emotionen der Schauspieler gut ins Spiel übertragen und es baut sich eine sehr dichte Atmosphäre auf. Kaum ein anderes Spiel packt einen emotional so stark und baut durch die besonders vielschichtigen Charaktere so eine starke Bindung des Spielers zum Geschehen auf. Die Charaktere wachsen einem ans Herz und man teilt mit ihnen Freude, Trauer, Wut und Verzweiflung. Wenn die obdachlose Jodie bei Eiseskälte und Schneegestöber am Straßenrand Gitarre spielt und dazu singt, treibt es nicht nur weichen Gemütern die Gänsehaut über den Körper.

Jodie entwickelt sich im Spiel vom kleinen Mädchen zur jungen Frau.

Jodie entwickelt sich im Spiel vom kleinen Mädchen zur jungen Frau.

Die „nackte“ Geschichte

Obwohl die Geschichte von Beyond Two Souls sehr viele Stärken hat, fallen gerade die negativen Aspekte bei einer derartigen Fusion von Spiel und Film besonders stark auf. Von teils inhaltlich sehr klischeehaften Szenen bis hin zu Logikfehlern trübt dies den sonst soliden Aufbau der Story. Warum kann Aiden Jodie einerseits vor einem Sprung von einem Zug retten und andere Personen heilen, aber ihr nicht helfen wenn sie wenig später drei Wölfe angreifen? Dies gibt der Geschichte einen unnatürlichen Touch und man wird das Gefühl nicht los, bewusst das gezeigt zu bekommen, was „Quantic Dream“ will. Immer dann wenn sie etwas ganz genaues zeigen wollen, kommt Aiden ins Spiel. Das nimmt dem Spieler die so stark gewünschte Freiheit und Selbstbestimmung. Des Weiteren geben einem Plotlöcher teilweise ein sehr leeres Gefühl, als ob man etwas verpasst hätte. Am Ende wird der Spieler mit Fragen zurückgelassen, die nicht aufgeklärt wurden und das stört gerade bei filmähnlichen Spielen stark. Da hier sozusagen die „nackte“ Story dargestellt wird, darf sich gerade diese keine inhaltlichen Schnitzer leisten. Ein anderes Spiel mag dies mit spielerischen Qualitäten wieder wett machen, derer gibt es aber in Beyond Two Souls dafür zu wenig. Macht es doch als Spiel an sich sehr wenig und man könnte den Controller in manchen Sequenzen sogar auf den Schoß legen, nur mit dem Daumen agieren und würde trotzdem gut durchkommen.

Dadurch, dass die Interaktionen mit der Umwelt nun sogar auf lediglich einen weißen Punkt beschränkt sind, erscheinen die inhaltlichen Schwachstellen umso stärker. Immer wieder gibt es Szenen an denen man nur einem bestimmten Pfad entlang gehen konnte, bis die nächste Cutscene getriggert wird. Hier läuft quasi ein gewisser „Quantic Dream“-Korridor ab, in dem uns genau das gezeigt werden soll, was sich die Mannen aus Frankreich dabei gedacht haben. Richtig frei bewegen kann man sich im Spiel nie, was aber auch einen Nachteil auf das Pacing und die Erzählgeschwindigkeit hätte uns somit verkraftbar ist. Doch das „Schlauchthema“ lässt sich nicht ganz ignorieren, erwartet man von einem interaktiven „Spiel“-Film doch spielerische Freiheiten. Leider zerbröckelt die Story von Beyond Two Souls gegen Ende sehr stark und wird auch aufgrund des Militäraction- und „Amerika gegen den Rest der Welt“-Klischees zu austauschbar und seicht. Versteht mich bitte nicht falsch, die Handlung und Inszenierung von Beyond Two Souls sind einzigartig und nicht viele andere Spiele gehen diesen mutigen Weg die Erzählung derart in den Mittelpunkt zu stellen, jedoch fallen aufgrund der fehlenden spielerischen Qualitäten derartige Fehler stärker ins Gewicht.

Action und Explosionen dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Action und Explosionen dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Eine Grundsatzdebatte

Warum Titel wie Beyond Two Souls gerade so stark polarisieren ist die Frage nach der Begrifflichkeit des Videospiels. Was ist ein Videospiel und ist David Cages neuestes Werk das noch? Für mich persönlich ist diese Diskussion sehr müßig. Richtet sich der Begriff Videospiel etwa danach wie viele Knöpfe ich pro Minute drücke oder gar wie viele Gegner sich mir nähern? Ist es nur dann ein Spiel wenn es mich fordert und ich 20 Anläufe brauche um es durchzuspielen? Nein! Ein Spiel soll mit mir nur eines machen: Emotionen wecken, mich involvieren. Und da ist es vollkommen egal, ob ich gerade 2 oder 30 Knöpfe gedrückt habe. Ist es kein Spiel mehr, weil die linke Hälfte meines Controllers kalt geworden ist weil ich ihn nur mehr mit einer Hand auf meinem Schoß liegend bediene und gespannt der Story und den Charakteren folge? Zum Teufel, nein!


9.0/10
Wer nun aufmerksam die negativen und positiven Aspekte meines Reviews zusammenzählt, wird sich wohl schon im Kopf ein Bild über die Endnote machen können. Doch hier muss ich euch leider enttäuschen. Warum fragt ihr euch? Deswegen: Beyond Two Souls mag objektiv gesehen ein SPIEL sein, dass nicht den hohen Erwartungen gerecht wurde und einige gröbere Mängel aufweist. Und ja den Vergleich mit Heavy Rain muss es sich gefallen lassen und den verliert der Titel leider. Doch was hier und vor allem für jeden persönlich zählt ist das SPIELERLEBNIS. Und eben so eines hatte ich schon lange nicht mehr. David Cage neuestes Werk packt einen auf eine Art und Weise, wie man es leider viel zu selten bei Spielen erlebt. Er erzählt, bis auf wenige Ausnahmen, angenehm unverbrauchte Geschichten und weiß wie man Leute emotional involviert. Beyond Two Souls gehört wohl zu den intensivsten und emotionalsten Spielen meines bisherigen Lebens und hat sich diesen Titel auch verdient und erarbeitet. Ich wünsche mir, dass David Cage weitermacht, mit dem was er tut. Auch wenn er Fehler machen wird und auch, wenn er nie das perfekte und jeden zufrieden stellende Spiel entwickeln wird. Aber er macht Spiele mit Geschichten und Emotionalität, die sich ihren Platz in der Gamingbranche mehr als verdient haben.

beyondps3.com (Offizielle Webseite)

Bei Amazon.de kaufen

Autor: Fabio Faber